Einleitung

 

Allgemein

Die Niederländische ‘Stichting Levend!leven’ wurde im Jahre 2010 mit dem Ziel gegründet, einen Beitrag zur Erleichterung des Lebens für eine möglichst große Anzahl von Menschen zu leisten. Die Arbeitsweise der Stiftung ist es, die Menschen, die sich dafür geöffnet haben, daran zu erinnern, das tägliche Leben auf eine herausfordernde Weise neu zu betrachten. Dabei geht es zunächst um die Blickrichtung, wie jemand ’alles was es gibt’ wahrnehmen kann. Die Deutsche Übersetzung der Website erfolgte im Jahre 2015.

‘Unsere Blickrichtung ändern’ klingt einfach und scheint gut möglich zu sein; denn wir glauben von uns selbst, dass wir bestens in der Lage sind, die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten und die Betrachtungsweise anderer Menschen zu verstehen. Was also spricht dagegen, sich etwas anzustrengen und sich eine andere Blickrichtung anzueignen?

Leider ist diese Art des Denkens etwas zu einfach. Für die meisten Menschen ist das ’Sehen mit anderen Augen’ schwierig, besonders das ’Sehen in die andere Richtung’.

 

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Mensch in der Lage ist,  die über Jahre eingeschliffenen Denkmuster wieder aufzubrechen, diese hinter sich zu lassen, sich zu öffnen für etwas ganz Neues und sich eine Denkweise zu eigen zu machen, die man vorher nicht gekannt hat.

Dennoch ist das ohne Hilfsmittel oder Voraussetzungen durchaus möglich. Die Aussicht darauf steht jedem Menschen offen, ist jedoch in der Regel nicht im Handumdrehen erreichbar. Wie viele andere Sachen, entwickelt sich dieser Weg nicht von selbst, sondern bedarf der notwendigen Aufmerksamkeit und Selbstdisziplin.

Ein wichtiger Schritt ist aber schon gemacht, sobald jemand versteht worum es geht und wirklich an einer Veränderung interessiert ist. Sich zu öffnen für eine andere Denkweise ist der Anfang des Weges und Drehpunkt für die andere Blickrichtung. Der folgende Prozess kann so lange dauern, wie man möchte; alle Anstrengungen dafür lohnen sich letztlich immer.

Der Kern dieser Botschaft ist folgender: Ich kann mich lösen von unbewussten Gewohnheiten und eingefahrenen Denkweisen. Ich kann meine Umwelt auf eine erneuerte ursprüngliche Weise mit vollem Bewusstsein anschauen. Sobald mir das gelingt, habe ich den Weg zu einem vollen, reichen und intensiver gelebten Leben geöffnet.

Ich lebe dann nicht mehr nur mit den Äußerlichkeiten der Dinge und der lebenden Wesen, sondern ich fange an, mehr und mehr die inneren Reichtümer zu genießen: Reichtümer an Ursachen, Möglichkeiten und Bedeutungen von allem, was mich umgibt.

 

Wach lebst du schöner

Der Prozess ist mit einer Art von Aufwachen aus einem Schlummerzustand zu vergleichen. Dieser Schlummerzustand dauert so lange an, wie ich mich von eingewurzelten Gewohnheiten und automatischen Handlungen forttreiben lasse. Ist es verwunderlich, wenn ich unbewusst lebe, dass ich immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand laufe, anstatt die Situation in der Hand zu haben? So lange ich gewohnt bin, nur mit den Äußerlichkeiten der Formen umzugehen, verwundert es nicht, dass ich immer wieder davon überrascht werde, was sich im Innern oder hinter den Fassaden befindet.

 

Denn alles, was existiert, können wir auf zwei Arten betrachten. Alle Ereignisse, Dinge, Tiere und Menschen haben nicht nur ihre äußerliche, direkt wahrnehmbare Erscheinung. Sie haben auch eine innere Struktur, die sich uns im Allgemeinen weniger selbstverständlich und weniger direkt offenbart. Weniger direkt bedeutet aber nicht weniger essenziell.

Im Gegenteil: Im Wesentlichen besteht alles in erster Linie auf Grund der eigenen Charakteristik und hat erst in zweiter Linie auch eine äußerliche Form.

Zuerst ist der Kern oder die Seele eines Wesens da. Die äußere Form ist von sekundärer Natur, weil sie der Ausdruck der Innenstruktur ist. Dies bedeutet nicht, dass die Form weniger wichtig ist. Sekundär bedeutet nur, dass es ein Ausdruck, eine Folge von etwas ist: Es ist eigentlich ein Produkt des Primären.

Meine Betrachtung der Welt, die mich umgibt, oder meine ’Blickrichtung’ folgt der Überzeugung, die ich subjektiv für das Wichtigste halte: Nehme ich die Innenstruktur oder die äußerliche Form der Dinge wahr? Betrachte ich die Dinge um mich herum von außen nach innen oder von innen nach außen?

 

Jedes Ereignis hat ein darunter liegendes Geschehen: etwas was dem Ereignis voran geht, ein Zusammenkommen von Vorfällen, ein unabwendbares oder gerade noch beeinflussbares vorangehendes Geschehen. Alles was geschieht, hat eine Ursache.

Ein Gegenstand trägt immer die Entstehungsgeschichte in sich. Er wurde ausgedacht, entworfen und hergestellt. Er ist durch einen Schöpfungsprozess, eine Entstehungsgeschichte oder ganz automatisch das geworden was er jetzt ist. Hat etwas eine elementare Struktur, dann hat es wenigstens eine vorangehende evolutionäre Entwicklung.

Eine Pflanze manifestiert sich durch den biologischen Rhythmus, der überall in der Natur zum Ausdruck kommt; ebenso durch einzigartige verborgene Eigenschaften und die direkt wahrnehmbaren Variationen der übergeordneten Art und der spezifischen Familie.

Ein Tier erkennt man in erster Linie an gruppeneigenen Charakteristiken, an vererbten Eigenschaften, an instinkthaften Neigungen, an typischen Begabungen und an einem mehr oder weniger entwickelten Lernvermögen.

Ein Mensch unterscheidet sich auf die gleiche Weise. Darüber hinaus hat er eine teils unbewusste, teils bewusste Verbindung mit dem alles umfassenden universellen Bewusstsein.

 

Was immer man auch betrachtet: Alles besteht in erster Linie aus einem qualitativen Inneren, das anfangs für den oberflächlichen Betrachter verborgen ist, und äußert sich erst danach in einer quantitativen Form.

Wir aber nennen die Welt der Formen – für unsere Sinnesorgane sichtbar, hörbar oder fühlbar – meistens die ’Wirklichkeit’.

Genau mit dieser Sichtweise bringen wir uns selbst in Verwirrung. Ist das tatsächlich die einzige Wirklichkeit? Die sichtbare Welt ist doch nur Ausdruck vom Wesentlichen in oder hinter allen Dingen.

Was bedeutet es für mich, wenn ich die darunter liegende Struktur in oder hinter allen Dingen für die ’primäre Wirklichkeit’ halte? Wenn ich das tue, ‘schaue’ ich mit meinem geistigen Auge –  und meine ‘Blickrichtung’ hat sich gedreht.

Dabei darf ich die äußerliche Welt, die mir so vertraut ist, vorläufig noch ’sekundäre Wirklichkeit’ nennen.